Zum Hass verführt – Wie der Salafismus unsere Kinder bedroht und was wir dagegen tun können

Zum Hass verführt – Wie der Salafismus unsere Kinder bedroht und was wir dagegen tun können | 2016 Thomas Mücke | 253 Seiten | Eichborn Verlag | www.eichborn.de | www.violence-prevention-network.de |

Thomas Mücke gilt seit vielen Jahren als Koryphäe im Antigewalt-Bereich, und das absolut zu Recht. Von daher war es eigentlich auch längst überfällig, dass er ein Buch über seine Erfahrungen als Sozialarbeiter schreibt. Der Mitbegründer des Violence Prevention Networks, des Grundsatzes der Verantwortungspädagogik und Mitentwickler des Antigewalt- & Kompetenztrainings (AKT) hat vor 17 Jahren schon einmal ein sehr praktisches Buch herausgebracht, damals gemeinsam mit seiner VPN-Kollegin Judy Korn. Gewalt im Griff 2: Deeskalations- und Mediationstraining ist längst zu einem Standardwerk für jede_n Antigewalttrainer_in geworden.

Der Untertitel des neuen Buchs „Wie der Salafismus unsere Kinder bedroht und was wir dagegen tun können“ weckt enorme Erwartungen an großem Erkenntnisgewinn. Und man wird keinesfalls enttäuscht bei der Lektüre, denn „Zum Hass verführt“ bietet wirklich einen umfänglichen Einblick in die Welt radikalisierter Jugendlicher.

Den Hauptteil bilden 6 Fallbeschreibungen von jungen Menschen, an denen sowohl der Radikalisierungs- als auch Deradikalisierungsprozeß nachgezeichnet wird. In einer der Beschreibungen geht es dabei auch um die Parallelen zwischen Islamisten und Rechtsextremisten. Hierbei werden u.a. die jeweilige biographische Entwicklung und die Lebensumstände der Jungs und Mädchen beleuchtet.

„In einem unübersichtlichen und komplizierten persönlichen Umfeld und einer komplexen Gesellschaft sind die einfachen Erklärungen der Salafisten besonders attraktiv und entlastend.“

Das ideologische Kernelement bilden eindeutige Wertzuschreibungen nach dem (in allen menschenverachtenden Ideologien beliebten) Schwarz-Weiß-Muster der Aufwertung von sich selbst durch Abwertung der anderen. Im Islamismus also der „Gläubigen“ gegen die „Ungläubigen“. Hinzu kommt, dass die salafistische Szene den Charakter einer popkulturellen Jugendbewegung hat, die neben ihrer Orthodoxie eben auch modern und cool wirkt, die einen ausgeprägten Mitmach-Faktor, inklusive Gerechtigkeits-Utopie und der daraus legitimierten Gewaltverherrlichung bietet.

Das Schöne an diesem Buch ist aber, dass es auch Hoffnung macht, denn es beschreibt anschaulich und konkret, wie Betroffenen geholfen werden kann. „Zum Hass verführt“ ist ein Plädoyer zur Prävention und zur pädagogischen Arbeit mit bereits Radikalisierten und ihren Familien, denn:

„Menschen [können] sich verändern, wenn man auf authentische Beziehungen vertraut und sich den Problemen, die hinter der Radikalisierung stehen, zuwendet.“

Was diesem Buch aus meiner Sicht auf beeindruckende Weise gelingt, ist, dass es sowohl für interessierte Laien, als auch für Fachkräfte lehrreich ist, ohne dabei belehrend zu sein.

So ist für mich als Supervisor u.a. der Aspekt interessant, wonach Ausstiegsberatung in einem meist hilflosen Familiensystem stattfindet und es daher wichtig ist, als Berater_in nicht Teil dieser Hilflosigkeit zu werden. Das ist ein schönes Beispiel für den Leitsatz: „Das Produkt schlägt durch“.

Aus Antigewalttrainersicht haben mir die Fallschilderungen einmal mehr vor Augen geführt, wie elementar wichtig Biographiearbeit mit Täter_innen ist. Und auch für die Bearbeitung der „Ehre“ als wundem Punkt/ Aggressionsauslöser habe ich hilfreiche Anregungen bekommen.

Die für mich zentrale Erkenntnis aus dem Buch bezieht sich auf das vermutlich wirksamste Mittel zur Vorbeugung von menschenverachtendem religiösem oder auch politisch radikalem Fanatismus: Demokratie muss gelebt und Selbstbestimmung dadurch erfahrbar werden, sowohl in Familie, als auch in institutionellen Einrichtungen wie Kita oder Schule.

Das Buch liest sich total flüssig, was wirklich großen Spaß macht, denn es ist, als würde man Thomas beim Erzählen zuhören. Und erzählen, das kann er! An der guten Lesbarkeit, die für mich neben der inhaltlichen Brillianz ebenso wichtig ist, hat sicher auch die Journalistin Dörthe Nath als Co-Autorin einen nicht unerheblichen Anteil gehabt.