Interventionen – Zeitschrift für Verantwortungspädagogik

Die aktuelle Ausgabe (N° 8 | Dezember 2016) der einzigen derzeit in Deutschland erscheinenden Fachzeitschrift aus dem Antigewalt-Bereich kommt mit dem Schwerpunkt „Rechtsextreme Täter“. Herausgegeben wird sie vom Violence Prevention Network in Berlin und ist, so wie übrigens alle bisherigen Nummern, frei downloadbar von der Seite des VPN und man kann sie sich auch kostenlos zuschicken lassen.

Der Politikwissenschaftler und Soziologe Armin Pfahl-Traughber widmet sich dem „Lone-Wolf“-Phänomen im Rechtsterrorismus in Skandinavien, indem er 4 Fallbeispiele miteinander vergleicht, u.a. Anders Breivik. Hierbei geht er sowohl auf die rechtsextremen Motive der Täter ein, als auch auf psychodynamische Aspekte, indem er die Biographien mit betrachtet. „Bei der Bereitschaft zu Gewalttaten kommt den psychischen Faktoren sicher eine herausragende Bedeutung zu. Dadurch erklärt sich aber nicht die konkrete Opferauswahl, für die es jeweils ideologische Motive gibt.“ In diesem Zusammenhang wird auch auf die Bedeutung von „Fremdenfeindlichkeit und Rassismus als Einstellungsmerkmale und Mentalitäten“ innerhalb der Gesellschaft eingegangen. Denn auch, wenn Einzeltäter ihre Mordanschläge alleine planen und durchführen, so können diese doch „nicht losgelöst von der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung und der rechtsextremistischen Szene“ betrachtet werden.

Die Soziologin Michaela Glaser und der Politikwissenschaftler Nils Schuhmacher liefern einen sehr interessanten Artikel, der sich mit der biographischen Perspektive auf jugendlichen Rechtsextremismus beschäftigt und hierbei aktuell vorliegende Forschungsbefunde darstellt und diskutiert. Interessant ist hierbei, dass offenbar bislang der Fokus auf der Jugendphase und Peer-Kontexte gelegt worden ist und weniger auf die Rolle der Familie vor allem in der frühkindlichen Phase. Insbesondere der häufige Verlust von Vaterfiguren sowie Folgeprobleme für das in der Erziehungsarbeit alleine gelassene Elternteil, wie Überforderung oder finanzielle Not, gelten als Risikofaktoren für die Ausprägung eines dysfunktionalen Familiensystems. Ich kann und will hier gar nicht auf den ganzen Inhalt eingehen. Nur soviel: Der Text lohnt sich für alle, die mit ideologisierten Gewalttätern arbeiten, „da unterschiedliche Typen unterschiedliche Konzepte und Schwerpunktsetzungen in Bezug auf Integrationsförderung, Kompetenzstärkung, Erfahrungsvermittlung und -verarbeitung sowie inhaltliche Auseinandersetzung erfordern.“

Von Mitherausgeber und VPN-Gründungsmitglied Jan Buschbom gibt es den 2. Teil eines langen Artikels, dessen 1. Teil in Ausgabe N° 7 vom Oktober 2016 erschien. The Deadly Cycle – The entangled Psycho-Social Dynamics of Ideologisation and Radicalisation liest sich nicht mal eben nebenbei, zumindest wenn man nicht ständig wissenschaftliche Texte in Englisch liest. Doch es lohnt sich für Antigewalttrainer_innen, sich da mal mit nem Wörterbuch und nem starken Kaffee ranzusetzen, denn es geht u.a. um die Relevanz ideologisierter Interpretationsregimes hinsichtlich der Gestaltung des Lebensalltags sowie generell um die Zunahme der Bedeutung ideologisch zusammengehaltener Gruppen.

Ein weiterer englischer Artikel beschäftigt sich mit Gegenstrategien (Programme und Interventionen) zu gewalttätigem Extremismus im Strafvollzug. Christopher Dean ist wissenschaftlicher Leiter des Global Center, das in Großbritannien aktiv ist im Bereich Täterarbeit im Gefängnis.

Was lässt sich generell noch zum Heft sagen? Die in den ersten Ausgaben vorhandene Rubrik „Wörterbuch der Menschenfeinde“ gibt’s offenbar nicht mehr. Doch auch so ist die Interventionen inhaltlich absolut großartig! Da kann man dann auch ruhig mal etwas rumnörgeln, meckern auf hohem Niveau quasi, nämlich übers Layout. Cool, dass der Wille zu einer ansprechenden Gestaltung da ist, denn es gibt verhältnismäßig viele Fotos zur Auflockerung in den Artikeln. Allerdings sind diese etwas sehr „gewollt passend“. Mein „Highlight“ ist da der antiquierte, polierte Klischee-Springerstiefel – boah, das ist so 90er! Und dazu auf der Seite zuvor im selben Artikel eine Cliquen-Aufstellung mit Gummibärchen – jetzt ernsthaft?!

Doch völlig klar, ich freue mich schon jetzt auf die nächste Ausgabe!

Soundtrack nebenbei beim Schreiben auf dem Plattenteller: Highscore – s/t | Dean Dirg – Four Successive Blasts