Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit N° 3 (1/2017)

Ausgabe N°3 von Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit ist zwar nicht mehr ganz taufrisch, aber inhaltlich immer noch hoch aktuell! Die Zeitschrift für Wissenschaft und Praxis hat diesmal den Schwerpunkt ‚Zeitenwende‘, wobei sich das Thema „demokratiefeindliche Bewegungen“ von Anfang an als roter Faden durchs Heft zieht. Es geht also um islamistische Radikalisierung durch Online-Propaganda und um Rechtspopulismus in allen Facetten — Vorurteilspotenziale einer prekären Mitte, Bedeutung von Sprache im Fluchtdiskurs 2015, FPÖ, Pegida, AfD.

Ich setze meinen Fokus hier im Review auf einen Text von Barbara Menke, in dem es um nicht weniger als den „nachhaltigen Schutz der Grund- und Menschenrechte im Rahmen der parlamentarischen repräsentativen Demokratie“ geht — konkret also um „Politische Bildung in Zeiten von Pegida“, in denen Demokratieskepsis oder gar -verachtung zunimmt und wo in anderen Ländern Europas „postdemokratische, autoritär-aggressive Regierungen […] die politische Macht gewonnen [haben]“.

Pegida und AfD greifen genau das auf und verstärken es.

„In bisher nicht bekannter Weise wird hierzulande die parlamentarische, repräsentative Demokratie, werden ihre Prinzipien der Gewaltenteilung, der Toleranz, der Pluralität und der Grund- und Menschenrechte, und hier vor allem das Asylrecht, in Frage gestellt.“

Soweit, so schlecht. Ist doch „die Demokratie als Staats- & Lebensform“ nicht mehr selbstverständlich und konkurrenzlos. Barbara Menke sieht darin aber auch, und das ist die gute Nachricht, die Chance auf ein Revival für die institutionell verfasste, plurale politische Jugend- & Erwachsenenbildung.

Was in ihrem Text folgt, ist ein gebündelter Exkurs zur Geschichte sowie ein Plädoyer zur Besinnung auf die „historische Aufgabe“ der politischen Bildung, nämlich „Teil des Demokratisierungsprozesses der Gesellschaft zu sein“.

Im daran anschließenden Abschnitt zu Möglichkeiten & Grenzen finde ich die Position zentral, wonach sich politische Bildung intensiver und auch verständnisvoller um die Resignierten und Abgehängten kümmern muß. Daß dies dann nicht bedeutet, auch Verständnis für Chauvinismus und Fremdenfeindlichkeit aufzubringen, das versteht sich von selbst und wird im Text auch nochmal explizit erwähnt. Das ist vom Prinzip her genauso wie ich in meinen Antigewalt- & Kompetenz-Trainings zwischen ‚Verstehen‘ und ‚Verständnis’ unterscheide.

Barbara Menke macht ihren Text am Ende rund, indem sie ausführlich auf „best practice“ Erfahrungen eingeht. So wird z.B. beim Träger „Arbeit und Leben (AL)“ politische Bildung interdisziplinär gedacht und gemacht. Dies zeigt sich u.a. darin, daß großen Wert auf Erfahrungslernen gelegt wird und daß weiterbildungsbereichsübergreifend agiert und kooperiert wird, auch unter Einbezug von Betrieben und Unternehmen.

Was mir in dieser Ausgabe von „Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit“ ein bisschen fehlt, das ist etwas zu Täterarbeit. Zumindest würde ich mir davon mehr für die Zukunft wünschen. Ich denke, das ließe sich durchaus thematisch stärker einbinden, immerhin war in der letzten Ausgabe auch etwas dazu im Heft.

Doch so oder so, es ist eine sehr gute Zeitschrift, die definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient!

Um bei der schwermütigen Thematik (Demokratiefeindlichkeit in Theorie und Praxis) nicht abzukacken, hab ich mir beim Schreiben die Neon Piss LP von 2011 aufgelegt. Ob es am guten Wetter in San Francisco liegt? Die schaffen es auf jeden Fall, fast schon fröhlichen Punkrock zu Textzeilen wie diesen hier zu spielen:

„Loneliness like smoke slips beneath the door choking out the daylight that we used to kneel & pray for. We pull our hoods up so that all the world won’t see the fear that drags our feet right back to the liquor store.“

Vielen Dank für die Fotos an Leo Leander!